Pädagogische Psychologie (Fach) / Aggression/Bullying (Lektion)

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Mobbing

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  • Agression & Aggressivität Definition "Unter "aggressiven Verhaltensweisen" werden solche verstanden, die darauf abzielen, die Individuen oder Sachen aktiv Schaden zufügen, sie schwächen oder in Angst versetzen" -> state -> Aggression (Fürntratt 1974) <-> Aggressivität bezeichnet habituell gewordene aggressive Handlung -> generelle Bereitschaft zu aggressivem Handeln, trait
  • Formen von Aggression - Instinktive Aggression: Verteidigung eines Reviers, Notwehr - Ärger-Aggression: Abreaktion negativer Stimmung, Rache, erklärbar mit Frustrations-Aggressions-Theorie - Instrumentelle Agression: Aggression als Instrument, um Macht, Aufmerksamkeit etc zu bekommen, erklärbar durch Lerntheorien - Aggression zum Selbstzweck: Sadismus, Lustgewinn, erklärbar durch sensation seeking Busch & Todt 2006
  • Entstehungstheorien: Triebtheorie - Freud: Thanatos, angeborener Tosdes/Aggressionstrieb - Grundannahme: es gibt angeborene Triebe, die sich in Verhalten manifestieren müssen; Aggressionsstau führt zu seelischen Störungen und plötzlichem aggr. Verhalten - keine empirischen Belege für Selbstaufladungsannahme - Abreagieren führt nicht zu Verminderung der Aggression!
  • Entstehungstheorien: Frustrations- Aggressions- Hypothese ursprüngliche Annahme: Aggression entsteht durch Frustration; Frustration = Erfahrung, beim Erreichen eines Ziels behindert zu werden -> Aggression entsteht nicht von selbst, sondern reaktiv - Reihe von Befunden, die These stützen (erhöhte Aggressionsbereitschaft bei Verkehrsteilnehmern im Stau), aber auch Befunde, die dagegen sprechen - eignet sich zur Erklärung verschobener Aggression: Lehrer bestraft Schüler, Schüler lässt Frust an Mitschüler aus Interventionen: - Verhaltenstraining: Handlungsalternativen zeigen - Entspannung - Entscheidungen/Bestrafungen rational begründen - Demütigungen vermeiden
  • Entstehungstheorien: Kognitiv‐Neoassoziationistisches Modell (Berkowitz, 1993) - Erweiterung der Frustrations-Aggressions-Hypothese: auch andere negative Stimuli können Aggressionen auslösen (Hitze, Lärm...) - 2 unmittelbare Reaktionstendenzen: fight vs flight, mit Aktivierung bestimter Gedanken und Gefühle verknüpft - 2. Schritt: Interpretation der rudimentären Gefühle, Berücksichtigung situativer Normen und Gegebenheiten, Bewertung potentieller Handlungsergebnisse - Wirkungs aggressiver Hinweisreize erhöhen Zugänglichkeit aggressiver Kognitionen -> erhöhen Wahrscheinlichkeit aggressiver Reaktion Intervention: - Handlungsalternativen zeigen - Selbstregulation Arbeit mit Umgang negativen affektiven Zuständen durch Selbstbeobachtung, Attributionstraining, Konsequenzerwartung - Verstärkung!
  • Entstehungstheorien: Lerntheoretische Ansätze a) Klassische Konditionierung: evtl versuchen, Generalisierung zu vermeiden; nicht gut geeignet für Interventionen b) operante Konditionierung (Skinner): Aggression kann Belohnung nach sich ziehen (positive Verstärkung) oder helfen, unangenehme Situation/Stimulus zu beenden/zu meiden (negative Verstärkung) -> SuS nutzen Gewalt instrumentell, um Ziel (Aufmerksamkeit) zu erreichen; Intervention: Verhaltensweisen bestrafen und gleichzeitig Handlungsalternativen anbieten und verstärken (klare Regeln & Konsequenzen, konsistenter Umgang mit Regeln, Time-out, Klassenvertrag...) c) Modelllernen nach Bandura: Erwerb neuer kognitiver Fähigkeiten und Verhaltensweisen durch Imitation des Modellverhaltens;Hemmung/Enthemmung des Verhaltens, je nach Art des Modells; Reaktionserleichterung: Modell dient als Auslöser für das gleiche beobachtete Verhalten; Veränderung des emotionalen Erregungsniveaus: Hemmschwelle für aggr. Verhalten kann sinken; Intervention: Lehrer und Mitschüler als Modell -> warmes Klassenklima, prosoziale SuS als Modell, aber alle vier Teilprozesse müssen gegeben sein (Aufmerksamkeit, Behalten, Reproduktion, Motivation), evtl. Kopplung mit operantem Lernen
  • Entstehungstheorien: sozial-interaktionistische Theorie (Tedeschi & Felson 1992) - Aggression als funktionales Verhalten - Ziele: Kontrolle/soziale Macht, Wiederherstellung von Gerechtigkeit, soziale Identität/positive Selbstdarstellung - Intervention: Handlungsalternativen, mit denen die Ziele ebenso erreicht werden bzw die entsprechenden Bedürfnisse befriedigt werden
  • Aggression: Interventionen - erst Analyse des aggr. Verhaltens: warum aggressiv? Sonst keine sinnvolle Intervention möglich - Konstanzer Trainingsmodell KTM (Humpert und Dann 2001): Veränderung des Lehrerverhaltens; Ziel: Handlungsmöglichkeiten der Lehrkraft in störungs- und aggressionshaltigen Situationen erweitern -> Deeskalation, Konfliktverhalten der Lehrkräfte verbessern -> Tandemprinzip: 2 Lehrer = 1 Team; Rekonstruktionsprinzip (Was ist in Situation passiert?) - Faustlos (Klassenebene) (Cierpka 2001): Klasse 1-3, im Unterricht durchgeführt; 3 Kompetenzbereiche: Empathie, Impulskontrolle, Umgang mit Wut und Ärger; Wirksamkeit belegt, aber nur anhand von Lehrereinschätzungen
  • Aggression: Empirie Hat Aggression zwischen 1993- 2002 systematisch zugenommen? - Untersuchung aggressiven Verhaltens von SuS innerhalb von 10 Jahren - <1% Mädchen und 2-5% der Jungs berichten oft oder sehr oft aggr. Ver. -> kleine Gruppe von Tätern - keine systemischen Schwankungen - Gewalt gegen Lehrer kommt sehr selten vor - kein signifikanter Unterschied Stadt/Land, große/kleine Schule - meisten Verletzungen in Pausenhof oder Flur
  • Definition Bullying/Mobbing Mobbing/Bullying (Olweus 1991): Eine oder mehrere Personen greifen regelmäßig und über längeren Zeitraum systematisch eine bestimmte Person an, die sich aufgrund von psychischer/physischer Unterlegenheit kaum wehren kann; direkt (körperlich/verbal) und/oder indirekt ohne vorherige Provokation des Operfs Cyberbullying (Belsey 2006): bezieht sich auf Gebrauch von Informations- und Kommunikationstechnologien wie Email, Handy, Facebook, um bestimmte Individuen oder Gruppen zu diffamieren Happy Slapping: Gewalttätige Übergriffe werden mit Handy gefilmt und an Dritte verschickt
  • Erscheinungsformen von Bullying direkt: - physisch: körperliche Übergriffe jeglicher Art - verbal: verspotten, beleidigen, beschimpfen indirekt: - intendierte Schädigung der sozialen Reputation einer Person durch Ausgrenzung, Verleumdung oder Manipulationen im sozialen Umfeld; Hauptkennzeichen: Opfer bleibt Täterschaft unbekannt -> Gegenreaktion unwahrscheinlich
  • Bedingungen für die Entstehung von Bullying - i.d.R. nur in nicht frei gewählten Gruppen (Klassen, Arbeit) innerhalb hierarchisch strukturierter Systeme (Schulpflicht -> Opfer kann nicht entkommen) - vor allem wenn Gruppen neu zusammengesetzt sind oder aus Teilgruppen neu gemischt - Zu- und Weggang eines Kindes - vor allem dann möglich, wenn unklare soziale Konstellationen Raum dafür bieten
  • Funktionalität des Mobbings für den Täter - Erlangung von Ansehen in Klasse - Streben nach Dominanz - Streben nach Aufmerksamkeit - Neid/Missgunst/Versagensängste als mögliche Gründe
  • Dynamik des Prozesses des Mobbings - Verletzung der sozialen Normen in Klassen ("zu viel Mitarbeit" -> "Streber") durch Einzelne können zu Anipathie, Ablehnung und Sanktionen durch Mitschüler führen - Opfer:schwach positioniertes Kind "ideal", da Attacken nicht auf viel Widerstand durch Mitschüler stoßen werden; Provokation einer Gegenreaktion (-> Normverstoß durch Opfer) oder Ausbleiben der Gegenreaktion als Hinweis auf Dominanz -> aktivieren bei Mitschülern bestimmte Schemata ("Weichei"), Einstellungen häufig änderungsresistent; - Täter kann Handlungsspielraum immer weiter ausbauen; Kinder mit hohem sozialen Status in Klasse haben stärkere Definitionsmacht über Normen -> Mitschüler passen sich ggf an - Habitualisierung/Desensibilisierung: Häufiges Mitansehen der Attacken schwächt physiologische Reaktion der Mitschüler - Mobbinghandlungen ohne Konsequenzen -> Modellwirkung auf andere Schüler, Verstärker für Täter; auch: Modelllernen unter Tätern - Bystander-Effekt: je mehr Personen anwesend sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne zum Handeln verantwortlich - Kreislauf: Wegschauen der SuS, Eltern und Lehrer verstärken Hilflosigkeit des Opfers
  • Bullying als Gruppenphänomen - Mitschüler entscheidend für Entstehung und Aufrechterhaltung von Bullying -> kollektive Aggression (Lagerspetz et al 1982) - Participant Role Approach (Salmivalli et al 1996): Mehrheit der SuS sind in differenzierbaren Rollen in Bullying involviert; Untersuchung an finnischen SuS: 5 Skalen, darauf basierend diese Rollen für 88% der SuS: 8% Täter, 17% Verteidiger des Opfers, 20% Verstärker des Täters, 24% Außenstehende, 7% Assistenden Täter, 12% Opfer -> Verteidiger sehr populär, Außenstehende neutral, Opfer am wenigsten akzeptiert, Mädchen mehr akzeptiert als Täter & Assistenten(Hinweis auf indirektes Mobbing) - Adaption des Participant Role Approach nach Schäfer et al 2004: Untersuchung an Münchner SuS: 86% konnte Primärrolle zugewiesen werden; Mädchen häufiger in der Rolle der Außenstehenden/Verteidiger, nicht signifikant häufiger Opfer; 68% der SuS Sekundärrolle; Mädchen wurden nicht für aggressive Rollen nominiert -> indirekte Strategien; eigener sozialer Status beeinflusst Verhalten (Angst, nächstes Opfer zu werden) -> dyadischer Ansatz Täter/Opfer nicht sinnvoll, immer in Gruppe zu sehen und mit Gruppe zu arbeiten
  • Bullying Empirie Schäfer 1996: - Bullying findet meist in der Schule während der Pausen in ubeaufsichtigen oder unübersehbaren Bereichen (Flur, Pausenhof) statt; Übergriffe auf Schulweg seltener, aber heftiger - Bully verfügt über ausgeprägte soziale Intelligenz Lösel et al: - Täter sind besser in Peergruppe integriert, Opfer meist hohe Ablehnung Olweus 1978: - Täter: generell aggressiver Verhaltensstil, weniger ängstlich, selbstsicher, guter verbale Fähigkeiten, streben nach Dominanz, durchschnittlich beliebt in Klasse, körperliche Überlegenheit, wenig Mitgefühl für Opfer - Opfer: eher ängstlich, unsicher, Isolation in Klasse, eher unbeliebt, äußerliche Auffälligkeiten oft benutzt, aber nicht Grund, Neigung zu Depression und sozialem Rückzug Studie von Sutton und Kollegen (1999): - Bully hat hinsichtlich kognitiver Komponenten (Gedankenanitzipation), emotionaler (Gefühlsantizipation) bessere Perspektivenübernahme (Theory of Mind) Täter haben erhöhtes Risiko, kriminell zu werden, Drogen zu nehmen und gewalttätig zu werden
  • Bullying: Folgen und Stabilität Folgen: Williams et al (1996): Opfer neigen zu internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten (Depression, Angst, psychosomatische Beschwerden) und schlechteren akademischen Leistungen und höheren Fehlzeiten Stabilität Opfer: 4% über Grundschule (Kochenderfer-Ladd 2001) stabil, über 3 Monate keine Stabilität (Schäfer und Albrecht 2004) Olweus  1978: Täter und Opfer bleiben über ein Jahr stabil Täter: Selbstberichte suggerieren Stabilität über 4 Monate (Schäfer und Albrecht)
  • Wie entsteht Bullying? - Bully entdeckt Prügelknaben in Klasse - stiftet Mitläufer an - v.a. gefördert, wenn keine Gruppennormen gegen Gewalt in Klasse und Lehrer VH duldet - Mehr als die Hälfte der Opfer wenden sich nicht an Lehrer (Olweus) - Erziehung Bully (Olweus): Mangel an Wärme, Laissez-faire-Haltung, harte körperliche Strafen
  • Diagnostik Bullying - Bullying und Vikimisierungsfragebogen BVF für Kinder zwischen 4 und 11 (Marees und Petermann 2009); erfasst Häufigkeit, mit der Kinder idrekt oder indirekt von aggressivem Verhalten betroffen sind (Opfer/Täterskalen) - Kurzfragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren (ab 15 J.) Heubrock & Petermann 2008: Aussagen über Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen - Soziogramm: mögliche Opfer identifizieren
  • Beratung - Prävention/Intervention - Einzelgespräch mit Bully, Gründe für Verhalten explorieren, kein Bagatellisieren, keine Mitschuld des Opfer; klare und konsistente Konsequenzen für Verhalten (operantes Konditionieren) - Bullying = Gruppenphänomen, mit allen arbeiten, Klassenvertrag, Konsequenzen festlegen; vorbeugend über Bullying sprechen (Bullying kann nur stattfinden, wenn alle mitmachen) Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, wie man Opfer hilft; keinen konkreten Fall mit Klasse besprechen! aber generell Psychoedukation sinnvoll Präventiv: teambildende Maßnahmen, erlebnispädagogisch Opfer: Ressourcenarbeit, Selbstwert stärken, Erfolgserlebnisse Eltern: Vermeiden, Opfer mit zu sämtlichen Lehrergesprächen zu nehmen (emotional schwierig, verstärkt evtl Schuldgefühle), nicht direkt mit Täter/Eltern des Täters sprechen, da sich Mobbing sonst verstärken kann (Schwäche des Opfers)
  • No blame approach - keine Schuldzuweisung, sondern Fokus nach vorne, wie kann man Opfer helfen? Mobber werden nicht an den Pranger gestellt, sollen konstruktiv mitarbeiten 3 Schritte - Lehrkraft spricht alleine mit Opfer, wie es ihm geht; nicht nach Vorfall, nur, wer mitgemacht hat - Unterstützergruppe: Bully + 6-8 Kinder, die durch konstruktives soziales VH aufgefallen sind -> Lehrkraft teilt ihnen Gefühle des Kindes mit -> jedes Kind soll Vorschlag machen zur Veränderung; eine Woche später erneut Treffen (einzeln) und Frage nach Verbesserung, wenn nötig mehr Gespräche -> 87% Erfolgsquote - Antimobbing-Programm nach Olweus (1993): Kombination aus Prävention und Intervention; schulumfassendes Programm gegen Gewalt;